Können wir von Tankstellen lernen?
Die zunehmende Obsoleszenz der Tankstelle ist ein sichtbarer Indikator für den infrastrukturellen Wandel unserer Städte.1 Da dieser Bautypus den veränderten gesellschaftlichen Bedürfnissen kaum noch gerecht wird, verliert er seine ursprüngliche Daseinsberechtigung. Gerade die Klimakrise mahnt zu einem bewussteren Umgang mit endlichen Ressourcen und verdeutlicht die ökologischen Folgen fossiler Energie, wie die Verfügbarkeit von Erdöl. Da diese Rohstoffe zudem nicht lokal verfügbar sind, wird deutlich, dass die derzeit in Tankstellen gelagerten Flüssigkeiten im Zuge des aktuellen Wandels obsolet werden, was einen Paradigmenwechsel impliziert. Gleichzeitig zeigen klimatische Veränderungen wie vermehrter Starkregen und ein sinkender Grundwasserspiegel, dass eine andere lebenswichtige Flüssigkeit bedroht ist.
Die vorliegende Masterarbeit beleuchtet die Vielschichtigkeit und Komplexität der technischen Abläufe einer Tankstelle, um einen Paradigmenwechsel im Flüssigkeitsaustausch anzustoßen. Durch die Gegenüberstellung der Medien Öl und Wasser konnten erkenntnisreiche Schlüsse gezogen werden. Diese tiefgreifende Recherche ermöglicht es, den Ort aus einer neuen Perspektive zu verstehen und zukunftsfähig weiterzudenken. In Anbetracht dessen wird dieser obsolete Ort zu einem Potenzialraum, an dem die bisherige Flüssigkeit substituiert wird, um stattdessen Regenwasser zu sammeln und in den bestehenden unterirdischen Tanks zu lagern. Das Ziel ist es, das Wasser für verschiedene Nutzungen zu verwenden und den Wasserkreislauf auf dem Grundstück zu fördern. Das Potenzial von Tankstellen als heterogene Orte wird weitergedacht, um sie zu urbanen Anlaufstellen für viele Menschen zu entwickeln. Als Ort, um diese Transformation architektonisch auszuformulieren, dient eine ausgewählte Tankstelle in der Karlsruher Oststadt. Die städtebauliche Analyse der dortigen JET-Tankstelle zeigt ein vielfältiges Umfeld. Der Standort fungiert als zentrale Schnittstelle zwischen Arbeiten und Wohnen mit starkem Bezug zur benachbarten Höpfner-Brauerei. Daraus lässt sich die Idee ableiten, die Flüssigkeitstankstelle durch das Brauen von Bier anzureichern und. Es entsteht ein Ort, der durch die heterogene Nutzung 24 Stunden am Tag bespielbar ist. Neben dem Brauen neuer Biersorten soll das gesammelte Regenwasser über Trichterformen gesammelt und als wertvolles Brauchwasser vielfältige Anwendung finden.
Quelle (1 Vgl.Jan Gehl, „Städte für Menschen“. Berlin: Jovis Verlag, 2015. S.9 ff.)